Flutmulden im Wald sollen Hochwasserspitzen kappen

Von Nikolaus Geiler

Nicht nur in Kreisen der Landwirtschaft, sondern auch im Bereich der Forstwirtschaft macht man sich Gedanken, wie eine Verschärfung der Hochwassergefahr gebannt werden kann. Auf großes Interesse bei der Presse und der Fachwelt stieß in diesem Zusammenhang im März 96 die Vorführung eines neuen Systems der Hochwasserprophylaxe: Im Stadtwald der hessischen Kurstadt Bad Orb waren ca. 350 Flutmulden ausgehoben worden, mit denen die immer häufiger auftretenden Überflutungen des Städtchens reduziert werden sollen. Mit der Aktivierung des Waldes als Wasserspeicher will man sich den Bau von teuren Hochwasserrückhaltbecken ersparen. Die bislang ausgehobenen Flutmulden haben eine Speicherkapazität von ca. 3.000 m3. Die kleinen Flutmulden weisen eine Tiefe von ca. 70 cm auf und wurden entlang der Hauptwaldwege angelegt.

Das simple Modell - das auch die Unterstützung des Darmstädter Regierungspräsidium genießt - kostet relativ wenig Geld: Das Ausheben einer Mulde beläuft sich auf durchschnittlich 150 Mark. Und wenn die Methode im großen Stil praktiziert wird, dann wird es noch preiswerter. Bad Orb investierte gerade mal 55.000 Mark. Und weil die Mulden auch zur Grundwasseranreicherung beitragen, beteiligte sich das Land Hessen mit Mitteln aus der Grundwasserabgabe mit 44.400 DM an der Buddelei. Wenn die Mulden nach etwa einem Jahr eingegrünt und verkrautet sind, erfreuen sich auch NaturschützerInnen an dem entstandenen Netz kleiner Feuchtbiotope - wobei das Ausheben der Mulden mittels Baggern einiges Fingerspitzengefühl erfordert: "Wir machen keine Gewaltakte, die Mulden müssen in die Landschaft passen." Die preisgünstige Alternative zum konventionellen Hochwasserschutz könnte auch anderen Gemeinden im waldreichen Hessen viel Geld sparen helfen. 42 % des Regierungsbezirks Darmstadts sind bewaldet. Da gäbe es noch viel Platz zum Graben von Flutmulden.

Tatsächlich eifern einige südhessische Gemeinden bereits dem "Bad Orber Modell" nach. Weitere Auskunft:

Zur Theorie des "Bad Orber Modells" der dezentralen Hochwasservorsorge

In dem Papier "Anmerkungen aus forsthydrologischer Sicht zum Problem Wasserrückhaltung im Wald" der Hessischen Landesanstalt für Forsteinrichtung, Waldforschung und Waldökologie wird vermerkt, daß der Wald zwar von Natur aus eine hohe Infiltationskapazität aufweist: "Gründe dafür sind die intensive tiefreichende Durchwurzelung, die zumeist lockere Struktur, der Humusreichtum, die hohe biologische Aktivität und die vom Kronendach ausgehende bodenschützende Wirkung (Bestandesinnenklima, Niederschlagsinterzeption)". Aber: "Als `neuralgische Punkte' im Hinblick auf die Bildung von Oberflächenabfluß in Wäldern sind Wege anzusehen. Durch Bodenverdichtung, Oberflächenversiegelung, Fahrspuren und Entwässerungsleitsysteme kann es an Waldwegen zur unerwünschten Abflußkonzentrationen mit erheblichem Erosionspotential und Hochwassergefährdung für Unterlieger kommen."

Diese "Abflußkonzentration" kann kompensiert werden, wenn die von Wegen abfließenden Schmelz- und Niederschlagswässer entsprechend dem "Bad Orber Modell" in Flutmulden gespeichert werden. Hierzu heißt es in den "Anmerkungen":

"Mit einem systematischen, dem Gelände angepaßten Netz von Versickerungsmulden zur kontrollierten Entwässerung von Waldwegen werden sich witterungsbedingte Hochwasserkatastrophen zwar nicht vermeiden lassen. Aber zweifellos können Hochwasserspitzen damit sehr wirkungsvoll gebrochen werden. Die positiven Aspekte sind im einzelnen: - Vermeidung konzentrierter Oberflächenabflüsse - Verminderung des Erosionsrisikos - Verminderung der Abflußfülle - Einschränkung der Überflutungen in den Tallagen Der verhinderte oberirdische Abfluß kommt teilweise dem Bodenwasserspeicher und somit potentiell der Bestandstranspiration (= Verdunstung der Pflanzen; Anm. BBU) zugute, teilweise der Grundwasserneubildung. Unter für die Tiefenversickerung günstigen Standortbedingungen können sich bilanzmäßig ins Gewicht fallende Grundwasseranreicherungen ergeben. Mit naturschützerischen und jagdlichen Belangen lassen sich künstliche Versickerungsmulden bei entsprechender Gestaltung durchaus in Einklang bringen."

(Boden- und GrundwasserschützerInnen haben trotzdem ihre Bedenken. Durch das "Aufbrechen" des Waldbodens könnten Schadstoffe möglicherweise allzu leicht ihren Weg ins Grundwasser finden.) Weitere Auskunft:

Flutmulden auch für die Landwirtschaft

Daß kleinere Flutmulden nicht nur im Wald (s. die beiden zuvor stehenden Notizen), sondern auch für landwirtschaftlich genutzte Regionen geeignet sein könnten, erläutern ANDRE ASSMANN et al. in dem Aufsatz "Dezentraler Hochwasserschutz als geeignete Alternative zu großen Rückhaltebecken?" in BÜRGER IM STAAT 1/96, S. 60-64. Im überwiegend landwirtschaftlich strukturierten Kraichgau liegen "die Hochwasser generierenden" Landschaftsbestandteile im Bereich der landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen. An der Uni Heidelberg wurde ein Konzept erarbeitet, um mit kleinen Flutmulden, den Hochwasserabfluß und die Sedimentation merklich zu bremsen. Wenn das System der kleinparzellierten Rückhalteflächen hydraulisch genau aufeinander abgestimmt wird, benötigt man für einen wirksamen Hochwasserschutz einen Flächenanteil von ein bis zwei Prozent. Die kleinen Flutmulden an Hangausläufen, Schwemmfächern usw. werden kombiniert mit größeren Rückhalteflächen in den Auen der Flüsse und Bäche, mit Maßnahmen der Laufverlängerung der "Vorfluter" sowie mit Maßnahmen zur Rauhigkeitserhöhung - z.B. durch die Anlage von Gewässerrandstreifen.


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