Seit 1977 Hochwasserrückhalt am Rhein
- auf dem Papier

Von Martin Rolland

Zwischen den Rheinanliegerstaaten ist international vertraglich vereinbart, zum Schutz gegen Hochwasser Rückhalteräume für 226 Mio m³ Wasser zu schaffen. Nach einem 1977 abgeschlossenen Verwaltungsabkommen zwischen der Bundesrepublik und den berührten Bundesländern hat z.B. Rheinland-Pfalz 44 Mio. m³ Rückhaltevolumen zu schaffen, an dem sich Hessen mit 20 % der Kosten zu beteiligen hat. Nordrhein-Westfalen will mit 400 Mio. DM Retentionsräume für 170 Mio m³ schaffen - mehr als vertraglich vereinbart. Bislang sind aber erst wenige Rückhaltepolder einsatzbereit. Warum die Ausweisung von Rückhaltegebieten ("Retentionsräumen") so schleppend vorankommt, illustriert der in den nächsten Notizen beschriebene Vorgang.

Über die Mühnisse des Hochwasserrückhaltes am Oberrhein

Hessen plant seit Jahren einen Fließpolder bei Trebur im Landkreis Groß Gerau. Noch im Okt. 95 hatte die hessische Umweltministerin NIMSCH (GRÜNE) den geplanten Polder als Ansatz zur "Renaturierung einer ganzen Landschaft" und als "einzigartige Chance für viele seltene Tier- und Pflanzenarten" gepriesen. Vor Ort allerdings mobilisierte eine "Aktionsgemeinschaft Umweltschutz" breiten Widerstand gegen die Polderpläne. Befürchtung der Aktionsgemeinschaft: Die bis kurz vor die Bebauung geplanten Dämme des Rückhaltepolders könnten durch Druckwasser unterspült werden. Die Folge wären "berstende Kellerböden". Auch ein Betrieb mit 1000 Arbeitsplätzen werde durch das Druckwasser gefährdet. Ergebnis: Politiker aller Parteien des Kreises liefen Sturm gegen das Vorhaben. Im März 96 trat der Wiesbadener Ministerpräsident EICHEL den Rückzug an und verkündete, daß der Polder nicht gegen den Willen der Region gebaut würde - auch weil kein anderes Land bereit sei, sich an den Kosten zu beteiligen. Der hessische Polderverzicht löste wiederum einen Entrüstungssturm rheinabwärts aus. Unisono kritisierten die rheinland-pfälzischen Umweltministerin MARTINI (SPD) und die nordrhein-westfälische Umweltministerin HÖHN (GRÜNE) am 1. bzw. 2.7.96 ihre Wiesbadener Amtskollegin wegen des angekündigten Polderverzichts. Der hess. Rückzug sei ein Ausklinken aus der Solidargemeinschaft der Rheinanlieger. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR), der WWF mit seinem Aueninstitut, Naturschutzverbände und Ingenieurorganisationen hatten den Fließpolder bei Trebur als wegweisend für den Hochwasserschutz am Rhein eingestuft und forderten die unverzügliche Revidierung der "törichten Entscheidung", die ein "schwerer Rückschlag für den Schutz der Städte und Gemeinden am Mittel- und Niederrhein" sei. Und HUBERT OELMANN, Dezernatsleiter Tiefbau und Verkehr der Stadt Köln schrieb angesicht der hess. Entscheidung, daß man "fast verzweifeln" könne: "Was muß alles noch passieren, damit sich im Rheineinzugsgebiet eine Solidargemeinschaft formiert, die gemeinsam wirksame Strategien gegen Hochwassersituationen entwickeln will?"

Polder Trebur: GRÜN-GRÜNER Knatsch beigelegt?

Während sich also die GRÜNEN Umweltministerinnen in Wiesbaden und Düsseldorf "poldermäßig" nicht sonderlich grün waren, hatte die SPD-Umweltministerin in Mainz mit dem "1. Spatenstich" im Juli 96 die Baumaßnahmen zum linksrheinischen Polder Flotzgrün (in der Nähe von Speyer) gestartet. Mit dem Polder Flotzgrün wird ein Rückhaltevolumen von 5 Mio. m³ geschaffen. Insgesamt muß sich Rheinland-Pfalz mit 44 Mio. m3 am geplanten Gesamtvolumen von 226 Mio. m3 beteiligen. Die Gesamtkosten für den Polder Flotzgrün werden sich auf 12 Mio. DM belaufen (PMRP, 18.7.96). Um nicht völlig mit leeren Händen dazustehen, kamen sich bis zum Sept. 96 auch die Umweltministerinnen in Düsseldorf und Wiesbaden wieder näher. NIMSCH und HÖHN einigten sich, sich auf verstärkte Anstrengungen für den Hochwasserrückhalt zu verständigen. Hessen sicherte zu, die Polderplanungen wieder aufzunehmen, sobald die Finanzierungsfragen endgültig geklärt seien. Diese Zusicherung mobilisierte allerdings aufs neue den Protest in der Region Trebur, wo man der hess. Landesregierung Wortbruch vorwarf. Derzeit ist die Situation festgefahren und ein konsensfähiger Lösungsweg aus dem Patt vor Ort nicht in Sicht.

Infos zum Polder Trebur ...

gibt es von der "Aktionsgemeinschaft Umweltschutz e.V. Trebur und Umgebung". Die Aktionsgemeinschaft schrieb uns u.a.

"Unsere Grundeinstellung als Umweltschutzorganisation zielt darauf ab, alle Rheinanlieger dafür zu gewinnen, sich in solidarischer Weise gleichermaßen zu verpflichten, Retentionsräume bereitzustellen beziehungsweise wieder herzustellen."

Die Aktionsgemeinschaft bietet eine "kompakte, anschaulich und professionell gestaltete Ausstellung" zu dem Thema "Hochwasserkatastrophen - ihre Ursachen und Wege zur Abwehr" an. Für diese Ausstellung werden ca. 16 qm Stellfläche benötigt. Weitere Auskunft:

Aktionsgemeinschaft Umweltschutz e.V. Trebur und Umgebung
Frau Renate Danker (Geschäftsführerin)
Erlenstr. 9
65468 T r e b u r
Tel. und Fax: 06147/8051

Alle gegen den Hochwasserpolder Hartheim

Festgefahren ist auch die Kontroverse um den Bau des Hochwasserpolders Hartheim am südbadischen Oberrhein (südlich von Breisach). Wo ehemals ein Auewald von den Hochwässern des Rheins überschwemmt wurde, stockt jetzt aufgrund der Sohlenerosion des Rheins (siehe Seite 12/13) ein schützenswerter Trockenwald. Alle Naturschutzverbände der Region sind sich einig, daß dieser Trockenwald nicht dem geplanten Rückhaltepolder Hartheim geopfert werden darf. Damit der sohlenerodierte Rhein das ehemalige Auengebiet überhaupt wieder überfluten kann, müßte hektarweise der dort inzwischen stockende Trockenwald abgeholzt und der Kiesboden mehrere Meter tief abgebaggert werden. In dem ausgekiesten Areal sollen sich nach der amtlichen Planung Hochwasserwellen totlaufen und sich nach und nach wieder eine - ökologisch wertvolle - Auenvegetation herausbilden können. Da sich in dem Trockenwald inzwischen aber einzigartige Biozönosen (Käfer, Schmetterlinge usw.) etabliert haben, erachten es die Naturschutzverbände als unverantwortlich, dieses biologisch hochwertige Areal dem Hochwasserschutz zu opfern.


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