Warum verursachen Hochwasser Schäden?

Von Philipp Magiera

Was im Falle eines Jahrhunderthochwassers z.B. am Rhein die Menschen und Medien beschäftigt, ist neben dem gebannten Blick auf die Pegeluhr in Köln das Ausmaß der materiellen Schäden. Hauptsächlich verursachen Hochwasser Schäden an Dingen, die nicht beweglich sind. Gezählt werden überschwemmte Keller, Erdgeschosse, Geschäfte, Innenstädte, je nach Größe des Hochwassers. Die Bedeutung eines Hochwassers reduziert sich also auf einen rein materiellen Aspekt, abgesehen von manchen menschlichen Verlusten in Extremfällen. Im Umkehrschluß wäre festzustellen, daß für die öffentliche Meinung Hochwasser uninteressant, ja fast bedeutungslos wären, fiele der materielle, der Schadensaspekt weg. Das heißt weiter, wenn es gelänge, die materiellen Schäden sehr klein zu halten, könnten wir einem Hochwasser ohne Furcht entgegensehen.

Wie auf dem entsprechenden Poster unserer Hochwasser-Ausstellung zu sehen ist, fordert ein Fluß bei extremem Hochwasser nur die Fläche zurück, die er benötigt, um alles Wasser abzuleiten, sein Überschwemmungsgebiet eben. Diese Überschwemmungsgebiete haben wir in den letzten Jahrunderten bebaut, versiegelt oder landwirtschaftlich genutzt. Wir haben also die Schäden, die heute entstehen, provoziert. Wären die Überschwemmungsflächen frei von materiellen Güter - Häusern, Gewerbebetrieben, Äckern - müßten wir uns um die Auswirkungen von Hochwasser keine Sorgen machen: Sie wären nicht oder nur kaum vorhanden. Hochwasser per se müssen also keine Schäden verursachen, wenn der Mensch angepaßt lebt. Vor dem Bau des Assuanstaudammes in Ägypten war diese Anpassung der Menschen an die Hochwasser überdeutlich: Ihre Landwirtschaft lebte von den fruchtbaren Schlämmen, die die Wassermassen auf den Äckern zurückließen. (Wobei allerdings anzumerken wäre, daß in jüngster Zeit darüber gestritten wird, ob die vom Nil abgelagerten Schlämme überhaupt einen relevanten Nährstoffgehalt aufgewiesen haben; Anm. des Korrekturlesers.) Selbstverständlich gibt es auch Gegenbeispiele, Regionen, in denen Hochwasser weit tragischere Auswirkungen haben als in Europa.

Da am Rhein jedoch nicht mit einer flächenhaften Ausbreitung des Flusses gerechnet werden muß, wie z.B. in Bangladesh, ist die Vorhersage von Hochwassern und damit der Schutz der Menschen (nicht ihrer Güter) bei uns viel besser gewährleistet.

Allein wegen dieses materiellen Aspekts werden die Schäden durch Hochwasser in Mitteleuropa auch immer größer. Es werden in den Überschwemmungsgebieten der Flüsse immer mehr Güter akkumuliert, diese werden beschädigt und schon ist das Katastrophenhochwasser geboren. Beispielsweise verursachte das Hochwasser von 1882 in Eberbach am Neckar (s. Poster "Hochwasser haben Geschichte") einen Schaden von 60.000 Reichsmark, das kleinere von 1993 jedoch eines von 17,4 Millionen Mark. Für die ganze Bundesrepublik rechnet das Umweltbundesamt beim Weihnachtshochwasser 1993 mit über 1 Milliarde Mark Schaden. Und schließlich forderte das Sommerhochwasser 1993 an Mississippi und Missouri in den USA einen Schaden an Wohnhäusern, Gewerbe- und Industriebauten, öffentlichen Gebäuden, Verkehrswegen, Versorgungseinrichtungen, landwirtschaftlichen Flächen und weiteren Werten einen Schaden von 7,5 Milliarden Dollar! die Hälfte der Schadenssumme entfällt dabei auf die Landwirtschaft, je 10% auf Wohnhäuser und Gewerbe- und Industriebauten. So werden Schäden in Kauf genommen, die volkswirtschaftlich unsinnig sind.

Die Urgewalt der Wassermassen versperrt dabei unseren Blick auf ein wesentliches Detail: Nicht das Hochwasser ist von Übel, sondern unser kurzfristiges Denken. Denn nach jedem Hochwasser werden die Hobbykeller wieder eingeräumt, die Gewerbegebiete gereinigt und neuer Mais gesät. Auf daß das nächste Hochwasser wieder völlig unerwartet riesige Schäden anrichten kann.

Literatur zu Hochwasserschäden:


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